Moon Over Hudson Street

New York, 1955

Connor bewegte sich langsam nach links, das ausgestreckte Katana zeigte nach wie vor auf seinen Gegner. Zwölf Jahre lang hatte er es vermeiden können, zwölf Jahre lang hatte er das Spiel von seinem eigenen Haus ferngehalten. Die Welt der Unsterblichen sollte nicht Rachels Leben gefährden. Und nun, ausgerechnet heute...

"Rachel!" herrschte er sie an, schärfer als beabsichtigt. "Komm herüber!"

Connor kannte solche Situationen, er hatte sie oft genug erlebt. Ein Sterblicher, gefangen zwischen zwei Schwertkämpfern... Die Frage war nicht, ob jemand sterben würde, die Frage war nur, wer. Ein Kopf würde mindestens rollen.

***

Mrs. Morgan stellte den Stapel Bücher vorsichtig auf dem Tisch ab. Hinter sich hörte sie Rachel, und sie griff schnell zu, als deren Stapel gefährlich ins Wanken geriet.

"Übernimm dich nicht immer so, Kleines", tadelte sie gutmütig, und Rachel lächelte entschuldigend. Dann machte sich Rachel daran, für die Neuerwerbungen Karteikarten auszufüllen, damit die Bücher bald in den Katalog aufgenommen werden konnten.

"Ist das nicht schrecklich langweilig hier?" unterbrach plötzlich eine bekannte Stimme ihre Arbeit. Rachel sah auf und bemerkte Elizabeth, die mit einer Tasche über der Schulter an ihrem Tisch lehnte und sie angrinste. Von weiter hinten winkte ihr Doro zu, die gerade in einem Buch blätterte.

"Die hat hier im Lesebereich nichts zu suchen", meinte Rachel und deutete auf die Tasche. Dann lächelte sie auch. "Und nein, es ist gar nicht langweilig. Ich liebe Bücher."

Elizabeth sah sich um und verzog das Gesicht. "Wäre mir zu öde, den halben Tag in der Bibliothek rumzusitzen. Ich werd nie verstehen, warum du das hier machst. Dein alter Herr ist doch reich genug, du brauchst das Geld doch gar nicht." Doro kam zu ihnen herüber. Sie hatte wie Rachel blonde Haare, doch im Gegensatz zu ihr reichten Doros Haare ihr weit den Rücken hinab. Sie lachte und deutete über ihre Schulter. "Ich weiß schon, warum Rachel hier arbeitet. So viele süße Jungs zum Anschmachten."

"Du bist albern", warf Rachel ihr vor, doch auch sie grinste. In diesem Moment wurden sie von einem Räuspern unterbrochen. Ein Mann stand an ihrem Tisch, sie schätzte ihn auf Anfang 30. Er trug sein dunkles Haar kurz und für einen Moment ertappte sich Rachel dabei, wie sie auf seine markante Nase starrte.

"Entschuldigung wenn ich störe, aber ich bräuchte eine Auskunft", sprach er sie an. Irgendwie sah er gut aus, fand Rachel.

"Da bin ich bei Ihnen doch richtig, oder?" fügte er nach einigen Sekunden hinzu. "Zumindest steht auf Ihrem Schild *Information*." Dabei deutete er auf den Schreibtisch und sah sie an. Die anderen Mädels konnten ein lautes Kichern nicht mehr unterdrücken, doch ein strafender Blick von Mrs. Morgan brachte sie wieder zur Ruhe.

Rachel riss sich zusammen. "Ja, natürlich. Wie kann ich Ihnen helfen?"

"Nun, sehen Sie, ich recherchiere gerade über einige spezielle Aspekte des Frankenreiches und brauche ein bestimmtes Buch. Mir wurde gesagt, dass ich es in dieser Bibliothek finde, aber es steht nicht an der angegebenen Stelle im Regal."

Rachel stand auf und meinte: "Kein Problem, das werden wir schon finden. Wissen Sie den genauen Titel des Buches?" Als sie an Elizabeth vorbei kam, flüsterte die ihr leise, aber energisch zu: "Schmeiß dich ran!" Rachel scheuchte sie mit einer Handbewegung zur Seite und wandte sich dann wieder dem Mann zu. Ob er nun gut aussah oder nicht, er war definitiv charmant.

***

"Wulfoald", murmelte er. Ja, das war definitiv eine Spur. Die spärlichen Beschreibungen, die er gefunden hatte, klangen sehr nach Odolff. Und Hausmeier in Austrasien, das war eine Position, die sicher nach Odolffs Geschmack gewesen war. Er kannte die Verhältnisse in den damaligen Reichen der Franken, und er fand noch immer, dass es in einer Grube voller Schlangen friedlicher zuging.

Er seufzte und wischte sich müde über die Stirn. Der Text war schön und gut, doch es half ihm nicht wirklich weiter. Die verschiedenen Quellen unterschieden sich sehr, einige erwähnten Wulfoald zum letzten Mal nach der Ermordung Childerichs II., andere noch nach dem Tod von dessen Nachfolger Dagobert II. So oder so verlor sich die neu gefundene Spur seines alten Widersachers Odolff nach wenigen Jahren schon wieder im Nebel der Zeit. Drei Tage Recherche und noch kein konkretes Ergebnis...

In diesem Moment bemerkte er einen angenehmen Duft, jemand stellte eine Tasse vor ihm ab. Als er aufsah, bemerkte er das Mädchen von der Information.

"Womit hab ich den verdient?" fragte er dankbar lächelnd und nippte an dem Kaffee.

"Oh, ich dachte, Sie könnten ihn gebrauchen. Sie arbeiten doch schon den ganzen Tag."

"Da haben Sie absolut richtig gedacht. Danke", erwiderte er.

Rachel blickte neugierig auf das Chaos aus Büchern und Notizzetteln. "Hilft das Buch weiter?"

Er nickte, allerdings nicht sehr enthusiastisch. "Ein wenig. Aber die Texte aus dem frühen Mittelalter sind selten so akkurat wie man es sich wünschen würde. Ich bräuchte jetzt eigentlich eine Kopie der Historia Francorum um ein paar Dinge zu überprüfen."

Rachel überlegte kurz. "Ich glaube, die kann ich besorgen", meinte sie.

"Ehrlich?" Er war erstaunt. "Ich habe sie im Katalog nicht gefunden."

"Nein, ich meinte nicht die Bibliothek", erwiderte Rachel. "Mein Vater ist historisch sehr interessiert. Er hat eine große Sammlung alter Bücher, und ich erinnere mich an einen Sammelband mit historischen Quellen. Die Historia Francorum müsste dazu gehören, ich kann sie Ihnen morgen mitbringen."

"Das wäre äußerst liebenswürdig", meinte er, doch in diesem Moment wurden sie unterbrochen. Mrs. Morgan kam in den kleinen, neben dem Lesesaal gelegenen Raum und wandte sich an Rachel. Sie umarmte sie kurz. "Herzlichen Glückwunsch, Rachel!" meinte sie. "Du hättest ruhig einen Ton sagen können heute morgen. Deine Kommilitoninnen haben mir gerade zugeflüstert, dass du Geburtstag hast. Du kannst natürlich früher Schluss machen, wenn du möchtest."

Mit diesen Worten griff sie sich die Kaffeetasse und rauschte mit einem vorwurfsvollen "Nicht bei den Büchern!" aus dem Raum. Rachel wandte sich wieder um und flüsterte, mit einem Blick auf die sich entfernende Kaffeetasse: "Tut mir leid!"

"Schon gut." Er klappte das Buch zu, stand auf und streckte ihr die Hand entgegen. "Ich schließe mich den Glückwünschen natürlich an", meinte er. "Mein Name ist übrigens Benjamin. Benjamin Adams."

Rachel ergriff die Hand und stellte sich ebenfalls vor: "Rachel Ellenstein."

"Ellenstein...", echote er. "Hatte Ihre Familie einmal ein Handelskontor in Amsterdam?"

Rachel war überrascht. "In Den Haag, aber woher wissen Sie davon? Das gibt es schon seit hundert Jahren nicht mehr."

"Nun", antwortete er, "ich habe mich ein wenig mit der niederländischen Geschichte beschäftigt."

Für einen Moment huschte der Gedanke an die alte Heimat durch Rachels Geist, an die verlorene Familie, doch sie verdrängte ihn schnell. Dies war nicht der richtige Zeitpunkt für schmerzliche Erinnerungen.

"Ms. Ellenstein", begann Methos, "ich frage mich, ob Sie vielleicht genauso hungrig sind wie ich. Sie waren auch den ganzen Tag hier."

"Ja, das bin ich tatsächlich", lächelte Rachel, froh über die Ablenkung.

"Nun, dann würde ich vorschlagen, dass Sie das Angebot der guten Mrs. Morgan annehmen und für heute Schluss machen. Zwei Straßen weiter gibt es ein ziemlich gutes griechisches Restaurant. Ich lade Sie ein."

Rachels Lächeln wurde breiter, das war einfach verrückt. Dieser Mr. Adams war gut und gerne sieben Jahre älter als sie und er wirkte so weltgewandt und charmant. Und nun lud er sie einfach zum Essen ein. Das würde Elizabeth und Doro vor Neid zum Platzen bringen.

***

"...und dann lachte sie, dass die Palastwände bebten. Nein wirklich, es klang ein wenig wie die Geräusche, die eine Hyäne macht."

Rachel lachte. "Woher weißt du das? Ich dachte immer, Geschichtsschreiber würden ihre Herrscher möglichst positiv darstellen."

Methos hüstelte leicht. "Oh, es gibt Augenzeugen-Berichte davon."

Sie bogen in die Hudson Street ein und Rachel steuerte die Nummer 1182 an. "So, wir sind da. Und wo du schon mal hier bist, kann ich dir auch gleich das Buch holen." Sie kramte einen Schlüssel aus ihrer Handtasche und schloss die Tür auf. "Komm mit!"

Beschwingt hüpfte sie die drei Stufen zum Fahrstuhl hoch, und 'Benjamin Adams' folgte ihr. Sie stiegen ein, und Rachel warf ihm einen etwas unsicheren Blick zu, als sie sich an ihm vorbei beugte und die Etage wählte. Doch während der Fahrt veränderte sich sein gut gelaunter Gesichtsausdruck plötzlich zu einem Bild der Anspannung. "Rachel", begann er und blickte dabei leicht nervös auf die Bedienknöpfe. "Vielleicht ist das doch keine so gute Idee. Es ist schon spät, und ich möchte deine Familie nicht stören. Du kannst mir das Buch ja auch morgen geben." Gab es keine Stop-Möglichkeit für diese Kiste?

Rachel sah ihn nur verwundert an und meinte: "Ach Unsinn, jetzt sind wir schon da. Und mein Vater wird uns gar nicht bemerken."

In diesem Moment öffneten sich die Fahrstuhl-Türen und machten eine weitere Diskussion überflüssig – denn vor dem Fahrstuhl, auf der schmalen Brücke, die quer über den Loft führte, stand Connor MacLeod mit gezogenem Schwert.

***

"Oh, denk dir nichts dabei, er spielt gerne mit Schwertern herum", meinte Rachel leichthin zu ihrem Begleiter und zog ihn mit sich aus dem Fahrstuhl heraus.

"Connor, darf ich vorstellen...", begann sie, doch in diesem Augenblick herrschte Connor sie an: "Rachel!" Sie sah ihn irritiert an und bemerkte jetzt erst, dass er das Schwert keineswegs zufällig in der Hand hielt. Er war kampfbereit.

"Komm herüber!" Nie zuvor hatte sie ihn so sprechen gehört, mit solcher Härte. Nicht einmal damals, als er sie als Vierzehnjährige in seinem geheimen Raum beim Inspizieren der Erinnerungsstücke ertappt hatte...

Rachel war verwirrt, doch ehe sie reagieren konnte, bemerkte sie aus den Augenwinkeln ein Funkeln hinter sich. "Benjamin!" Ihr Begleiter hatte ein Schwert aus seinem langen Mantel gezogen und ohne den Blick von Connor zu nehmen, packte er Rachel am Arm.

"Rachel, wir werden jetzt ganz langsam wieder in den Fahrstuhl steigen. Und keine Heldentaten bitte." Langsam dämmerte es ihr, was hier geschah. Ihr Vater hatte ihr gegenüber einmal angedeutet, warum ein Schwert für einen Unsterblichen so wichtig war. Benjamin zog sie langsam zurück in Richtung der Fahrstuhl-Kabine, während Connor vorsichtig näher kam. Das Katana hatte er immer noch drohend erhoben. "Wenn du ihr etwas antust, bist du an keinem Ort der Welt mehr sicher!" stieß er hervor.

"Das liegt ganz bei dir", entgegnete Benjamin, doch plötzlich stutzte er.

"Woher stammt dieses Schwert?" fragte er seinen Gegner und starrte auf die feinen Verzierungen des Katana-Griffes.

In diesem Moment verspürte er einen schmerzhaften Schlag in den Magen, und in der gleichen Sekunde biss ihn Rachel in die Hand. Der unerwartete Schmerz ließ tatsächlich seine Hand um den Schwertgriff locker werden. Rachel schlug es ihm aus der Hand. Connor war in der gleichen Sekunde neben ihm und stieß ihm ohne lange zu zögern die Klinge des Katanas durch die Brust.

***

"Connor!" Rachel schrie auf, sie hatte ihren Adoptiv-Vater noch nie jemanden töten gesehen. "Du kannst ihn doch nicht einfach umbringen."

"Er wird es überleben", meinte Connor lakonisch, während er sein Katana abwischte und wieder in die Scheide steckte. Dann nahm er Rachel in den Arm und drückte sie fest. "Oh Rachel, mein tapferes Mädchen. Du hast mir versprochen, auf mich zu hören."

Sie hatten damals, vor einer Ewigkeit, schien es ihr, darüber gesprochen, dass es Situationen geben könne, in denen sie genau tun müsse, was er ihr sagte. "Wir hatten doch vereinbart, dass du bei Fremden vorsichtig bist, dass du niemanden einfach so mitbringst." Seit ein paar Jahren mussten sie dahingehend tatsächlich vorsichtig sein, denn Connor ging kaum noch als Rachels Vater durch. Doch Rachel konnte sich auch nicht daran gewöhnen, ihn als ihren älteren Bruder vorzustellen. Oder ihren jüngeren Bruder, demnächst. Sie hatte nicht eine Sekunde lang daran gedacht, dass es Probleme geben könnte, wenn sie Benjamin mitbrachte.

"Es tut mir leid, aber das konnte ich doch nicht ahnen", sprudelte es aus ihr hervor. "Er hat mich zum Essen eingeladen, wegen meines Geburtstages. Und ich wollte ihm nur ein Buch ausleihen, ehrlich."

Connor drückte sie erneut, und jetzt erst wurde er sich der ungeheuren Anspannung bewusst, die ihn überfallen hatte. Während der Konfrontation konnte er das ignorieren, doch nun ließ der Adrenalinschub nach.

Rachel löste sich aus seiner Umarmung und schaute auf den wie tot daliegenden Mr. Adams. "Das heißt, er ist wie du?" wollte sie es bestätigt haben.

Connor nickte. "Ja, das ist er."

"Was machen wir jetzt mit ihm?" Sie ging in die Hocke und betrachtete mit einer Mischung aus Interesse und Abscheu die große Wunde. Eine Blutlache hatte sich um ihn gebildet, und Rachel konnte sich vorstellen, dass es nicht angenehm war, darin aufzuwachen.

Connor griff sich das andere Schwert, dann wandte er sich wieder Rachel zu. "Wer ist er? Hat er dir einen Namen genannt?"

"Benjamin Adams." Sie sah zu Connor auf, der mit zwei Schwertern in der Hand dort stand und den leblosen Körper unschlüssig betrachtete.

"Rachel, du...", begann er, doch sie unterbrach ihn sofort: "Er ist ein Freund, Connor. Und du weißt, dass ich Menschen ganz gut einschätzen kann. Er hat das Haus lebend betreten, und er wird es auch lebend wieder verlassen."

Sie ging um den Körper herum, packte ihn an den Schultern und sah Connor auffordernd an: "Du wirst schon mit anfassen müssen."

***

Er erwachte ruckartig und sog tief Luft in seine Lungen. Als er die Augen öffnete, sah er immer noch die Spitze eines Schwerts auf sich gerichtet, doch seine Position hatte sich geändert, er lag nun auf einer Couch in der unteren Ebene des Lofts.

Connor sah ihn misstrauisch an, doch Rachel drängte sich an dem Schwert vorbei und stellte eine Tasse auf den Couchtisch. "Eine heiße Schokolade gefällig?" fragte sie liebenswürdig. Dann wandte sie sich an Connor: "Pack das Schwert weg, bitte. Und dann klärt gefälligst, was ihr zu klären habt. Wenn möglich, ohne weitere Blutlachen zu produzieren." Damit ließ sie die beiden Männer alleine.

Methos richtete sich langsam auf, ohne dabei Connor aus den Augen zu lassen. "Ein resolutes Mädchen", bemerkte er trocken. "Und sie weiß über uns Bescheid?"

"Was wollen Sie von meiner Tochter?" fragte Connor.

"Woher haben Sie dieses Schwert?" antwortete Methos mit einer Gegenfrage. Beider Gesichter waren unbewegt.

"Ich habe nie herausgefunden, wer Ramirez getötet hat", fuhr Methos fort. "Aber sein Schwert ist einzigartig. Wenn Sie es besitzen, heißt das wohl, dass wir keine Freunde sind."

Connor starrte ihn überrascht an. War das ein Trick? Aber dazu hätte der Fremde trotzdem Ramirez' Schwert kennen müssen.

"Sie kannten ihn?" fragte er vorsichtig.

"Wir waren befreundet", antwortete Methos und lachte sarkastisch. "Letztlich."

Dann fuhr er fort: "Hören Sie zu, Sie sind momentan im Vorteil. Aber da ich meinen Kopf noch habe, wollen Sie mich wohl nicht töten. Und wenn Sie es sich jetzt noch anders überlegen, werden Sie Ihre ganze Wohnung zerlegen müssen, denn ich gebe nicht so leicht auf. Also überspringen wir diesen Teil doch einfach, dann strapaziere ich auch ihre Gastfreundschaft nicht länger."

"Ich habe ihn nicht getötet", entgegnete Connor.

"Nein, ich nehme an, Sie haben das Schwert gefunden", meinte Methos, und die Ironie war deutlich zu hören.

"Ich habe es tatsächlich gefunden", entgegnete Connor, und seiner Stimme merkte Methos an, dass er es ernst meinte. "Neben der enthaupteten Leiche von Ramirez. Ich war auf der Jagd, als Kurgan mein Haus zerstörte und Ramirez im Kampf besiegte."

Das ließ Methos fürs erste verstummen. Kurgan... Ja, er musste zugeben, dass das plausibel war. Ramirez, der alte Weltverbesserer, hatte nie gewusst, wann er einem Kampf aus dem Weg gehen sollte. Und er hatte sich mit Vorliebe mit Leuten wie Kurgan angelegt. Hatte es da nicht diesen Kampf in China gegeben...?

Methos nickte leicht und fragte dann: "Und Sie sind...?"

Connor ließ das Schwert sinken, aber er legte es nicht weg. "Rupert Wallingford", stellte er sich vor.

Das schien seinen Besucher zu amüsieren. "Sie hat Sie Connor genannt", gab er zu bedenken. "Ramirez verschwand meines Wissens nach in Schottland. Und Graham erwähnte mal einen ziemlich sturen schottischen Captain. Mal sehen, das wäre nicht zufällig Connor... MacLeod?"

Methos trank vorsichtig einen Schluck der Schokolade und beobachtete aus den Augenwinkeln den anderen Unsterblichen. Wenn er mit seiner Vermutung richtig lag, war es wohl überstanden, denn dieser Connor MacLeod war dem Vernehmen nach ein Mann von Ehre. Mit denen konnte man auskommen, wenn man nur wusste, welche Knöpfe es zu drücken galt.

"Hier und heute bin ich Rupert Wallingford, so wie Sie Benjamin Adams sind." Methos nickte, sie wussten scheinbar beide, wie das Spiel lief. In diesem Moment betrat Rachel den Raum. Methos lächelte ihr zu und erhob sich. "Nun dann, Zeit zu gehen."

"Habt ihr dieses kleine Missverständnis geklärt?" fragte Rachel. Sie blickte zwischen den beiden Unsterblichen hin und her, doch keiner der beiden zeigte eine große Reaktion.

"Benjamin, es tut mir leid", wandte sich Rachel an ihn. "Ich meine, das vorhin..."

"Schon gut", entgegnete er. "Es ist meine Schuld, ich hätte anders reagieren sollen. Aber so etwas kommt vor, wenn zwei unserer Art sich treffen." Er schloss den Mantel über dem blutverschmierten Hemd. Auffordernd sah er Connor an und setzte schließlich hinzu: "Sie wollen mich doch nicht ohne mein Schwert der grausamen Großstadt ausliefern?"

Connor griff wortlos hinter sich und warf ihm sein Schwert zu. Methos verstaute es in seinem Mantel, dann nickte er Rachel zu. "Wir sehen uns ja sicherlich."

Er war schon halb zur Tür des Lofts hinaus, als er sich noch einmal umwandte. "Es interessiert mich: Wo in Schottland ist Ramirez begraben?"

Connor folgte ihm wortlos auf den kleinen Flur und schloss die Tür hinter sich, ehe er antwortete: "Nur damit wir uns verstehen: Soviel wir auch plaudern, ich kenne Sie nicht. Und ich verschenke mein Vertrauen nicht leichtfertig. Also halten Sie sich besser fern von Rachel!"

"Sie bedeutet Ihnen viel", stellte Methos fest. "Obwohl sie nicht Ihr eigenes Kind ist."

"So ist es", bestätigte Connor. "Gehen Sie besser kein Risiko ein."

Methos nickte und wandte sich in Richtung des Fahrstuhls.

"Adams!" Er drehte sich noch einmal um. "Wenn Sie keinen Ärger machen, zeige ich Ihnen das Grab irgendwann mal."

Methos nickte, und Connor wandte sich um und betrat wieder den Loft.

***

Methos ging die Hudson Street hinunter, zur nächsten U-Bahn-Station. Plötzlich hörte er hinter sich schnelle Schritte, und als er sich umwandte, sah er Rachel auf sich zukommen. Ihr Atem ging schneller, als sie ihn endlich erreichte. Sie gab ihm ein großes, in Leder gebundenes Buch. "Bitte, die Historia Francorum", meinte sie.

Methos lächelte. "Danke!"

Sie sah ihn an. "Ich weiß nicht viel über die ganze Unsterblichkeits-Sache, aber es wäre schön, wenn ihr zwei miteinander auskommen könntet. Ohne Blutvergießen."

"Das wird sich machen lassen", erwiderte Methos. "Jedenfalls sofern er uns so nicht sieht."

Rachel lachte. "Er hat noch nicht ganz begriffen, dass ich jetzt erwachsen bin."

Sie sahen sich ein Weilchen still an. Dann trat Rachel schnell einen Schritt vor, hauchte ihm einen Kuss auf die Wange und drehte sich um. Methos sah ihr ein paar Sekunden nach, ehe er sich auf den Heimweg machte. Was für ein verrückter Abend...



(c) by Johannes Freudendahl     http://ammaletu.de

Anmerkungen:

Die Story spielt im Highlander-Universum.

Diese Story habe ich ganz spontan geschrieben. In Endgame wurde ja erwähnt, dass Connor Methos kannte und ihm einmal erzählte, wie viel Rachel ihm bedeutete. Irgendwann sah ich dieses Bild vor mir: Rachel gabelt irgendwo Methos auf und bringt ihn mit nach Hause, um ihn ihrem Vater vorzustellen. Und Methos geht mit, nicht ahnend dass er den Haushalt eines Unsterblichen betritt. Während des Schreibens fügte ich dann noch die Komponente hinzu, dass Methos Ramirez gekannt haben könnte und nun dessen Schwert bei Connor wiedererkennt.

Übrigens, wer sich jetzt wundert, wer Odolff ist: Ich brauchte etwas, das Methos in der Bibliothek tun könnte, also dachte ich mir, er recherchiert nach einem vor langer Zeit verschwundenen Widersacher, zu dessen Verbleib er gerade einen vagen Hinweis bekommen hat. Odolff wird auf der Watcher Chronicles CD-ROM als Mentor von Auberon erwähnt und der Name gefiel mir irgendwie. Mehr steckt aber nicht dahinter.

Und was den Titel betrifft: Ich war diesmal wirklich verzweifelt, und am Ende landete ich auf Inspirationssuche bei meinen Sting-CDs. Mit Bezug auf die Szene am Fahrstuhl habe ich "Straight To My Heart" in Betracht gezogen *g*, aber dann hab ich doch ein leicht abgewandeltes "Moon Over Bourbon Street" als Titel genommen.

Bekannte Unsterbliche in dieser Geschichte:
Connor MacLeod, Methos  |  Ramirez, Kurgan, Graham Ashe

Mit Dank an die fleißigen Beta-Leser:
Aisling, Anja und Birgitt

Geschrieben: 24. Jan 2004  |  Wörter: 3.119