Geneva

Genf, Juni 1996

Sie hatte einen Schuh verloren, hastete wie Aschenputtel halb barfuß durch die Nacht und hatte nicht einmal Zeit, auch den anderen Schuh loszuwerden. Verdammt! Warum hatte sie heute nicht auf Lucas' Party gehen können? Wieso hatte sie der Trottel nicht eingeladen?

Michelle Webster keuchte, während sie die Straße hinablief. Stattdessen war sie mit Jennifer in die Disco gegangen und war dort einem Unsterblichen begegnet, ausgerechnet. "Gerard Kragen", hatte er sich vorgestellt. "Immer auf der Suche nach einem hübschen Gesicht."

Hinter sich hörte sie Reifen quietschen, der blaue Sportwagen folgte ihr also noch immer. Der Bastard war zudringlich geworden, da hatte sie die Disco verlassen, hatte sich nicht einmal die Zeit genommen, Jennifer Bescheid zu sagen. Doch er war ihr zum Parkplatz gefolgt, und als sie klarstellte, dass sie weder an einer leidenschaftlichen Nacht noch an einem Schwertkampf Interesse hatte, war es vorbei gewesen mit seiner Freundlichkeit. Er hatte ihr Auto eingeholt, sie auf eine Nebenstraße abgedrängt und schließlich hatte Michelle sich nicht anders zu helfen gewusst, als ihr Schwert zu greifen und zu Fuß die Böschung neben der serpentinenartig gewundenen Straße hinabzurutschen.

Verdammt, sie war noch nicht so weit! Amanda sagte ihr immer, sie würde wunderbare Fortschritte machen, doch Michelle fühlte sich einfach nicht bereit, einem großen, starken und vielleicht Jahrhunderte alten Mann mit einem Schwert gegenüberzutreten. 'Werde ich mich je bereit fühlen?' fragte sie sich verzweifelt, während sie mit dem Schwert in der Hand die ihr unbekannte Straße entlang lief und nach einer Fluchtmöglichkeit Ausschau hielt.

Rechts von sich sah sie plötzlich etwas, das sie elektrisierte: Die Straße war gesäumt von eleganten Anwesen, alle gut umzäunt, doch hier schimmerte zwischen den Bäumen eines großen Parks etwas im Mondschein... Eine Kirche? Eine Kapelle? Michelle sah einen Turm mit einem Kreuz darauf und entschied, dass es ihre beste Möglichkeit war. Sie sah sich gehetzt um, in diesem Moment raste der Sportwagen an ihr vorbei und wendete ein paar Meter entfernt schlitternd.

Bevor Kragen seinen Wagen wieder unter Kontrolle hatte, wandte sich Michelle dem Zaun zu. Er war hoch, doch dann erblickte sie ihre Rettung in Form eines am Straßenrand geparkten Autos. Sie war in Sekunden auf dem Dach des kleinen Vans, schleuderte ihren zweiten Schuh von sich und ihr Schwert über den Zaun. Dann hechtete sie mit einem großen Sprung hinterher. Zum ersten Mal war sie wirklich froh über das regelmäßige Fitness-Training, das Amanda für sie arrangiert hatte.

***

Jennifer hatte Michelle in der ganzen Disco vergeblich gesucht, jetzt war sie mit ihrem Motorrad auf dem Weg zu Michelles Wohnung. 'Toll', dachte sie. 'Mein erster Auftrag, und ich verliere sie schon nach wenigen Wochen. Da blüht mir was, wenn sie heute Nacht von einem fiesen Unsterblichen enthauptet wird.'

Vor ihr kam ein blauer Sportwagen aus einer Nebenstraße geschossen. 'Nicht irgendeine Nebenstraße', korrigierte sie sich in Gedanken, als sie bemerkte, wo sie sich befand. Warum raste der so? Die junge Beobachterin schüttelte den Kopf und konzentrierte sich wieder auf ihr eigentliches Problem. Wo in dieser großen Stadt konnte Michelle Webster stecken?

***

Michelle lief durch den dunklen Park, stolperte und lief weiter. Folgte er ihr? Sie konnte es nicht sagen, aber sie wollte es nicht darauf ankommen lassen. Der heilige Boden war in greifbarer Nähe. Im blassen Schein des Mondes fand sie die Kapelle, die sie von außerhalb gesehen hatte. Die Tür war nicht verriegelt, also ging Michelle hinein und ließ sich in der vordersten Bankreihe nieder. Jetzt erst merkte sie, wie erschöpft sie war, von dem langen Tag und der Flucht den Berg hinab. Sie zitterte leicht und legte ihr Schwert auf den Boden vor sich.

'Nur fünf Minuten', dachte sie, dann wollte sie nachsehen gehen, ob er ihr gefolgt war. Doch kaum hatte sie sich bequem auf die Bank gelegt, war sie eingeschlafen.

***

Sie erwachte vom Läuten der Glocken und sah verschlafen auf ihre Uhr – sie zeigte auf acht. Michelle blickte sich um und erschrak. Warum lag sie auf einer Kirchenbank? Dann fiel ihr der gestrige Abend wieder ein. Sie war eingeschlafen, Mist! Sie griff sich ihr Schwert, strich ihr knappes Top glatt und verließ vorsichtig die Kirche, ängstlich auf den Buzz wartend.

Draußen bemerkte sie erschreckend viele Leute, spürte jedoch keinen Unsterblichen. Die Leute strömten zum großen Hauptgebäude. Die meisten kamen von einem Gebäudekomplex auf der anderen Seite der Kapelle, aber einige schlenderten auch eine Straße herauf, die sanft den Hügel hinablief. Michelle drückte sich in den Schatten der Kapellentür und überlegte. Über den Zaun konnte sie wohl nicht mehr, also blieb nur ein Weg.

Sie senkte den Kopf, presste ihr Schwert so unauffällig wie möglich an den Körper und ging dann in die Richtung, in der sie das Tor vermutete. Sie war sich bewusst, dass sie angestarrt wurde. Ihr Disco-Outfit fiel hier definitiv aus dem Rahmen, außerdem hatte sie ein Schwert zu viel und zwei Schuhe zu wenig dabei. Sie warf einen verstohlenen Blick auf die Umgebung und die Leute. 'Sieht aus wie eine der zahllosen Schweizer Privatschulen', dachte Michelle. Einer der Schulen, auf die sie nun dank Amanda auch ging.

"Ich beschwer mich nie wieder über mein langweiliges Leben in Genf", murmelte sie und ging schneller den Weg hügelabwärts. 'Nur raus hier.'

***

Jennifer näherte sich dem Hauptgebäude. Sie musste ihrem Tutor wohl oder übel Meldung machen, denn Michelle war auch in ihrer Studentenbude nicht zu finden gewesen. "So ein Mist!" murmelte sie.

In diesem Moment blieb ihr fast das Herz stehen, denn niemand anderes als Michelle kam auf sie zu. Jennifer klappte der Unterkiefer runter, was tat sie ausgerechnet hier? Es dauerte eine Sekunde bis ihr einfiel, dass sie selber hier eigentlich auch nichts verloren hatte, jedenfalls aus Michelles Sicht. Halbwegs geistesgegenwärtig nahm sie an der Weggabelung, an die sie gerade kam, einen Nebenweg und wandte sich ab.

"Hi, ich bin neu hier. Wo geht's denn hier zum Ausgang?" hörte sie Michelles Stimme hinter sich. Noch einmal blieb ihr Herz kurz stehen, doch dann hörte sie die freundliche Stimme eines jungen Mannes, der Michelle an der Weggabelung nach links schickte, zum Haupttor. Jennifer wartete kurz, dann wandte sie sich um. Alle Umstehenden standen wie angewurzelt und schauten Michelle nach. Der junge Mann von eben stellte sich als Declan heraus, aus ihrem Jahrgang. Sie ging zu ihm hinüber.

"Jen, sag mal, war das nicht...?" Seine Stimme verriet einen Hauch Fassungslosigkeit.

"Oh ja, das war sie." Jennifer nickte und versuchte, wieder ruhiger zu atmen. Weiter unten am Weg sah sie Michelle barfuß mit ihrem Schwert in der Hand in Richtung des Haupttores gehen. Declans Blick wanderte von Michelle zu Jennifer und wieder zurück.

"Was bitte tut deine Unsterbliche auf dem Campus der Beobachter-Akademie???"



(c) by Johannes Freudendahl     http://ammaletu.de

Anmerkungen:

Die Story spielt im Highlander-Universum.
Sie wurde im "Highlander Magazin" Nr. 7 (Sep 2003) veröffentlicht.

Diese Geschichte entstand für das Highlander Magazin, und zwar mit der speziellen Vorgabe, drei freie Seiten zu füllen. Mein erster Versuch ("Bestie ohne Namen") war dabei ganz schön aus dem Ruder gelaufen was den Umfang betrifft, deswegen habe ich bei "Geneva" um jedes Wort gekämpft, um die Story unter drei Seiten zu halten. Einige ursprünglich geplante Szenen aus Sicht der Beobachter, u.a. ein Auftritt von Joe Dawson, fielen dabei der Schere zum Opfer. Ich finde das Ergebnis jedoch sehr ansprechend und werde deshalb auch die Online-Version der Story nicht erweitern.

Die Grundidee der Geschichte: Eine Unsterbliche gerät durch Zufall auf das Gelände der Watcher Training Academy. Ich hoffe, dieser Gag zum Schluss ist gelungen. *g* Was den Hauptcharakter betrifft: Ich benutze gerne etablierte Charaktere und erweitere den Kreis der Unsterblichen nur dann, wenn es sich absolut nicht vermeiden lässt. In diesem Fall dachte ich erst an Reagan Cole (gebürtige Schweizerin), bis mir einfiel, dass laut der Watcher Chronicles CD-ROM Amanda ihre Schülerin Michelle Webster auf eine Schule in Genf schickte und mit ihr nur in den Ferien trainiert. Nun gut, besser konnte es nicht passen. Michelles Beobachterin Jennifer Fuqua wurde auf der CD-ROM auch kurz erwähnt. Und als K'Immie habe ich Gerard Kragen noch einen Auftritt verschafft.

Übrigens: "Geneva" ist der englisch-sprachige Name der schweizerischen Stadt Genf. Auf der verzweifelten Suche nach einem Titel kam mir dieses Wort in den Sinn. Ich fand schon immer, dass es viel hübscher klingt als "Genf".

Bekannte Unsterbliche in dieser Geschichte:
Michelle Webster, Gerard Kragen  |  Amanda

Mit Dank an die fleißige Beta-Leserin:
Deirdre

Geschrieben: 21. Aug 2003  |  Wörter: 1.096