Bestie ohne Namen

Gilgamesch,
seit dem Tage, an dem er geboren wurde,
ist sein Name herrlich.
Zwei Drittel an ihm sind Gott,
ein Drittel nur Mensch.

Sumer, 1927 v.Chr.

Der Gesang hallte von den starken Mauern des Palastes wieder, an- und abschwellend und doch immer so lieblich. Im Schatten einer Säule stand ein Mann und betrachtete lächelnd die junge Mari, die an einem Brunnen in einem der vielen Innenhöfe saß. Sie sang ein altes Lied, das außer ihrer Großmutter heute wohl kaum noch jemand kannte. Doch Mari mochte dieses Lied, das von unsterblichen Helden und Reisen in ferne Länder berichtete, sie sang es immer wieder. Gilgamesch trat aus dem Schatten und ging zu ihr. Er küsste seine Frau, und sie sah auf zu ihm.

"Bist du gekommen, um mir zuzuhören, mein König?" fragte sie und lächelte. "Jetzt kommen die schönsten Strophen des Liedes. Der Tod des Dämonen Chumbaba."

Gilgamesch seufzte und ließ sich auf dem Boden nieder, den Rücken an den Brunnen gelehnt. "Du weißt, dass ich ihn nicht getötet habe. Ich wünschte, ich hätte es."

Bilder aus ferner Vergangenheit huschten durch seinen Geist, aus einer anderen Zeit. Der Priester hatte ihm geraten, mit der Enthauptung bis zum Vollmond zu warten, als Opfer für den Gott Anu. Doch Chumbaba war in der Nacht entkommen. Seine Männer hatten ihn bis zum Meeresrand gehetzt, aber er war in der Brandung verschwunden...

Mari legte ihm eine Hand auf die Schulter, sein Kopf lehnte an ihren Knien. "Du nimmst dir Omads Tod zu sehr zu Herzen, Liebster", meinte sie leise. "Er wusste, worauf er sich einließ, als er als Unterhändler aufbrach."

Es war zwei Tage her, dass ein Bote ihnen eine Nachricht von König Chumbaba überbracht hatte: Es würde keinen Frieden geben, solange Gilgameschs Kopf auf seinen Schultern saß. Das war die Botschaft gewesen, und zur Verdeutlichung hatte Chumbaba ihnen den Kopf des Unterhändlers mitgeschickt, des Mannes, den Gilgamesch persönlich mit der Reise nach Uruk beauftragt hatte. Seines besten Soldaten und guten Freundes. Er hätte wissen müssen, dass Chumbaba nicht zu trauen war. Und doch hatte er geglaubt, das Wohl ihrer Länder müsste ihnen beiden wichtiger sein als das Spiel der Unsterblichen. Nach der Dürre des Sommers würde ein weiterer Krieg zwischen Uruk und Eschnunna verheerende Folgen für die Bevölkerung beider Seiten haben.

Gilgameschs Blick wanderte zum Himmel, der sich im Westen rot zu färben begann. "Ich nehme mir den Tod so vieler Menschen zu Herzen, Mari, dass ich schon aufgehört habe zu zählen. All die Lieder über unsterbliche Helden erzählen nie von dem Schmerz, den die Unsterblichkeit mit sich bringt, wenn alle um dich herum sterben."

'Enkidu', dachte er, 'treuer Gefährte...'. Er war an einem Fieber gestorben, qualvoll und ohne Ruhm. Über 500 Jahre waren seitdem vergangen.

"Manchmal frage ich mich, ob es das alles wert ist. Was erreiche ich in diesem endlosen Leben überhaupt?"

Mari ließ sich neben Gilgamesch auf die Knie sinken und blickte ihm fest in die Augen. "So darfst du nicht reden, hörst du!" Niemand sonst hätte in diesem Tonfall mit dem König gesprochen. "Wir sterben, ja. Vielleicht wird der nächste Krieg uns alle umbringen. Aber darauf kommt es nicht an, solange wir gut gelebt haben. Und unter deiner Herrschaft leben die Menschen von Eschnunna sehr gut."

Mari sah ihm immer noch fest in die Augen und schließlich nickte Gilgamesch und lächelte ebenfalls. Doch in seinen Gedanken war kein Platz für Fröhlichkeit mehr. Das Reich der Sumerer lag am Boden, zersplittert in sich bekriegende Stadtstaaten. Gilgamesch war aus Uruk vertrieben worden, dort saß jetzt Chumbaba auf dem Thron. Und seine Armee übertraf die Gilgameschs um mindestens ein Drittel.

"Wenn ich die Stadt verlasse", meinte Gilgamesch nachdenklich, "wird er vielleicht nicht angreifen, zumindest nicht dieses Jahr."

"Du darfst dich nicht für uns opfern!" begehrte Mari auf. "Das ist ein Jahr oder zwei nicht wert. Er wird Eschnunna ohnehin angreifen, das weißt du. Aber du wirst weiterleben."

Gilgamesch blickte Mari an und wusste wieder, warum er seit er sie kannte darauf verzichtet hatte, sich weitere Frauen zu nehmen. In diesem Moment hallte das Horn von den Mauern wieder, und der Klang verhieß nichts Gutes.

***

Gilgamesch trat neben Unnar auf die Mauerkrone. "Mein König, ihr solltet Euch in den Palast begeben", begann sein Heerführer. "Hier ist es nicht mehr sicher." Wie zur Bestätigung seiner Worte surrte ein Pfeil heran und prallte von den Steinen hinter Gilgamesch ab.

"Wir werden jedes Schwert brauchen, und das weißt du", erwiderte der Unsterbliche. "Ich werde mich ganz sicher nicht im Palast verstecken."

Er ließ seinen Blick über die vor der Stadt versammelten Streitkräfte Uruks gleiten. Zwei Tage waren vergangen seit jenem Nachmittag im Hof, als der unheilvolle Ton des Horns die erste Sichtung der feindlichen Armee verkündete. Seit über einem Tag rannten die Gegner gegen die Mauern Eschnunnas an, bedrängten sie die Stadtmauer mit Katapulten und deckten die Verteidiger mit einem Pfeilhagel nach dem anderen ein.

"Omad wird uns fehlen", murmelte Gilgamesch, das Bild seines Kampfgefährten vor Augen.

Unnar räusperte sich. "Wenn ich so offen sein darf: Es ist nicht Omad, der uns fehlen wird, es sind 200 Soldaten." Der Stratege blieb todernst bei diesen Worten, und sein König wusste, dass er Recht hatte. Dieser Kampf würde blutig werden, sehr blutig.

***

Gilgamesch schrie auf, als ihn eine weitere Lanze traf. Einer seiner verbliebenen Soldaten sprang vor und attackierte den Gardisten mit der Lanze, doch zwei weitere Krieger Uruks töteten ihn nach kurzem Kampf.

"Zieht euch zurück!" schrie Gilgamesch, gequält vor Schmerzen. "Der Palast, schützt den Palast!" Dorthin waren die Frauen und Kinder evakuiert worden, als die feindliche Armee schließlich den Durchbruch in die Stadt geschafft hatte. Eschnunnas Kämpfer hatten viele Soldaten Chumbabas getötet, doch die Garde des Königs aus Uruk war zu stark. Sie hatte ihn bis hierher getrieben, auf den zentralen Platz der Stadt, hatte ihn eingekreist und von seinen Leuten getrennt.

'Vielleicht hätte ich auf Unnar hören sollen', dachte Gilgamesch, während er sich mit erhobenem Schwert hastig drehte und jeden weiteren Vorstoß zu blocken versuchte. Die Wunde begann sich zu schließen, doch nicht annähernd schnell genug.

Gilgamesch vermutete ernsthaft, dass Chumbaba seine Garde-Soldaten über Gilgameschs Unsterblichkeit informiert hatte. Sie kamen ihm nicht nahe genug, dass er sie hätte töten können, ließen sich auf keinen Kampf ein. Mit Lanzen hielten sie ihn auf Abstand, und immer wieder traf ihn eine davon, drang eine bronzene Lanzenspitze ihm tief ins Fleisch. Gilgameschs Kopf fuhr herum, als er einen hohen Schrei hörte, den Schrei einer Frau, irgendwo jenseits des Platzes. In dieser Sekunde wurde er erneut getroffen, durchschlug eine Lanze seine Brust. Eine weitere riss eine Wunde in sein rechtes Bein.

Gilgamesch sank langsam auf die Knie, erschöpft bis zum Rand der Bewusstlosigkeit und der Verzweiflung nahe. Seine Arme waren mit dem Blut der Feinde bedeckt, doch nun entglitt ihm sein Schwert. Die Garde aus Uruk. Einst hatten diese Männer nur auf ihn gehört, war er ihr Gott gewesen. Einst, vor langer Zeit, war er selber der glorreiche König von Uruk gewesen. Doch nun saß Chumbaba auf dem Thron von Uruk...

Und während um ihn herum der Untergang der Stadt Eschnunna begann, starb Gilgamesch an seinen tausend Wunden.

***

Als er ruckartig erwachte, schien ihm die Sonne direkt ins Gesicht. Gilgamesch war verwirrt, wusste für den Moment nicht, wo er war. Die Sonne... Im Morgengrauen hatten sie angegriffen, erinnerte er sich. Es hatte keine Woche gedauert, bis sie einen Durchbruch geschafft hatten. Dies waren eben nicht die Mauern von Uruk, jene unüberwindlichen Bollwerke. Dies war Eschnunna, die Liebliche. Eine Stadt, die nicht für den Krieg geschaffen war.

Gilgamesch richtete sich auf, doch etwas behinderte ihn. Er war gefesselt, und in diesem Moment kam die Erinnerung wieder. Die Garde-Soldaten, die ihn einkreisten, seine letzten Getreuen töteten und ihn mit ihren Lanzen aufspießten! Er war gefangen, und das konnte nur bedeuten, dass Eschnunna gefallen war.

Gilgamesch sah sich um, drehte den Kopf, um den Strahlen der Sonne auszuweichen. Er befand sich offensichtlich nicht mehr in der Stadt, bemerkte er. Die Felsen... Er schaute zur anderen Seite – ja, das war der Tempel der Ischtar, den er einen halben Tagesritt nördlich der Stadt hatte bauen lassen. Der Tempel lag am Ende eines Tales. Hier näherten sich die mächtigen Felswände, und wo sie sich trafen, duckte sich der Tempel an die Steilwand. Gilgamesch lag auf dem Platz davor.

Plötzlich spürte er es, das Flüstern der Götter, das ihm die Anwesenheit eines anderen Unsterblichen ankündigte. Ein Schatten trat in die Sonne und er hörte Chumbabas verhasste Stimme.

"Mächtiger Gilgamesch...", verhöhnte ihn sein Feind. Er trat nach dem Gefesselten, und Gilgamesch konnte nichts tun, als den Tritt einzustecken.

"Hast du nicht den Mut, mir im Kampf gegenüberzutreten?" herrschte er den Schatten in seinem Blickfeld an.

Chumbaba beugte sich zu ihm herab, so dass Gilgamesch seinen warmen Atem spüren konnte. "Oh, das bin ich doch", flüsterte der König von Uruk. "Erinnerst du dich nicht? Und ich habe gewonnen..."

Damit erhob er sich und ging davon. Und Gilgamesch erinnerte sich: An ihr Duell im Zedernwald, an seine Niederlage und an Enkidu, der mit einem Trupp Soldaten in letzter Sekunde erschienen war und Chumbaba durch einen Pfeilhagel niedergestreckt hatte. 'Enkidu, du hast dich nie an Regeln gehalten', dachte der Gefesselte.

***

Stunden waren vergangen, als plötzlich Männer kamen. Gilgamesch sprach sie an, doch keiner näherte sich ihm oder erwiderte auch nur ein Wort. Die Atmosphäre war gedrückt, und er konnte nichts tun, als auf den immer gleichen Ausschnitt des Himmels zu starren. Der Gedanke, dass er sich auf heiligem Boden befand, beruhigte ihn nur unwesentlich. Statt dessen grübelte Gilgamesch, ob Mari wohl aus der eroberten Stadt hatte fliehen können.

Am nächsten Morgen kam Chumbaba wieder und ließ ihn von zwei Soldaten aufrichten. Gilgamesch versuchte, einem der Männer ein Messer aus dem Gürtel zu ziehen, doch er war zu geschwächt, um schnell genug zu sein.

Als er den Schlag des Soldaten verdaut hatte, sah er zum ersten Mal, an was die Männer hier den ganzen Tag und die halbe Nacht gearbeitet hatten: Überall vor dem Eingang des Tempels waren niedrige Pfähle aufgestellt worden, wo immer es die Konsistenz des Bodens zuließ. Das Portal des Tempels war gewaltsam verbreitert worden, und in der Mitte des nun geplünderten Heiligtums stand ein merkwürdiges Gebilde aus... Nun, es schien keine Bronze zu sein, schimmerte in einem unirdischen Farbton. Gilgamesch sah Chumbaba an. "Was für ein Spiel treibst du? Dies ist heiliger Boden, du kannst mich hier nicht enthaupten."

Chumbaba lachte dröhnend. "Keine Angst, das habe ich nicht vor, noch nicht." Urplötzlich wurde er ernst und seine Stimme klang schneidend. "Ich habe mir etwas besseres für dich ausgedacht. Ich werde dir ein wenig Zeit schenken; Zeit darüber nachzudenken, wie man einen fairen Kampf führt."

Mit diesen Worten gab er den Soldaten einen Wink und sie zogen Gilgamesch in Richtung des metallenen Gebildes, das ihn auf verstörende Weise an einen Thron erinnerte. Sie zwangen ihn an das Gebilde und hatten ihre Mühe, den hünenhaften Sumerer ruhig zu halten, während sich eine Kette nach der anderen um seine Arme, seine Beine und seinen Leib schlang. Am Ende war fast sein ganzer Körper mit dem fremden Metall bedeckt, nur sein Gesicht lag frei. Gilgamesch spannte alle Muskeln an, doch die Ketten und Metallbänder gaben keinen Deut nach.

Und dies war der Augenblick als seine schlimmsten Albträume in Erfüllung gingen. Chumbabas Soldaten brachten Menschen näher, Gefangene wie er, und Gilgamesch erkannte sie alle. Da war Unnar, sein Heerführer, und Sininni, sein persönlicher Diener. Titna-uschtim, der oberste Priester Eschnunnas, und da war... Gilgameschs Herz brach, als er Mari sah, gefesselt und mit Blutergüssen am ganzen Körper.

Erneut begehrte er auf und sein Schrei hallte durch den Tempel. "Was tust du, Dämon! Dies ist eine Sache allein zwischen uns beiden!"

Das letzte Metallband wurde um Gilgameschs Körper geschlungen, es hielt seinen Kopf fest. Sein Blick ging nun gezwungenermaßen starr geradeaus, auf das Tal hinaus. Er schloss die Augen, als Soldaten begannen, die Platten des Tempel-Bodens zu durchstoßen und dort Pfähle direkt in seinem Blickfeld aufzustellen. Das Dröhnen der Hämmer hallte in seinen Ohren wieder. Ein Schlag in den Magen ließ ihn zusammenzucken und er öffnete die Augen wieder. Ein Dutzend Gefangene war nun an die Pfähle gefesselt und durch den Durchbruch sah Gilgamesch, dass draußen vor dem Tempel weitere Menschen angebunden wurden. Jeder einzelne war so gefesselt, dass er seinem König direkt in die Augen schauen konnte.

"Ich hätte lieber alle töten lassen", meinte Chumbaba nonchalant. "Aber irgend jemand muss ja arbeiten, um die zerstörte Stadt wieder aufzubauen. Deshalb habe ich dir stellvertretend einhundert deiner engsten Vertrauten ausgewählt. Damit du nicht so allein bist." Chumbabas Stimme troff vor Spott. Dann zog er ein Messer aus dem Gürtel, ergriff den linken Arm Sininnis und schnitt ihm mit einer schnellen Bewegung die Adern auf.

"Das Blut deiner Untertanen für das Blut der meinen!" Chumbabas Stimme war nun schneidend, als er zum nächsten Pfahl trat und den Arm des sich heftig sträubenden Titna-uschtim packte. Er ignorierte die Bannformeln des Priesters, und Sekunden später färbten sich die Steinplatten zu Titna-uschtims Füßen rot.

Gilgamesch sah die Todesangst in den Augen der Gefangenen, und in diesem Moment hätte er alles gegeben, um sie retten zu können. "Nimm meinen Kopf und lass sie gehen", flüsterte er. Er wartete, und Chumbaba sah ihn an, doch dann lächelte er finster und wandte sich dem nächsten Gefangenen zu.

"Für meinen erschlagenen Bruder!" donnerte er, und Gilgamesch sah Jahrhunderte gehegten Zorn emporquellen. Wasin-uni, die weise Frau des Marktes, starb mit einem leichten Seufzen.

"Für die niedergebrannten Zedern-Paläste, die Zierde meines Landes!" Chumbaba tötete einen weiteren Gefangenen, längst hatte sich der Tempelboden in einen See aus Blut verwandelt. Und schließlich wandte sich Chumbaba wieder Gilgamesch zu und funkelte ihn an. "Und dafür, dass du mich von Sterblichen töten ließest, um dich vor einer Niederlage zu retten."

"Nimm meinen Kopf!" schrie Gilgamesch, doch Chumbaba stieß das Messer ungerührt Unnar in die Brust. Dann wandte er sich dem nächsten Pfahl zu – Mari. Er strich ihr sanft die Haare aus dem Gesicht, und Gilgameschs Augen weiteten sich vor Entsetzen. Was sollte er noch sagen? Es gab nichts mehr, dass er Chumbaba anbieten konnte, und es gab keinen Gott mehr, den er nicht schon still um Hilfe angefleht hatte. Chumbaba hob das Messer, doch dann lächelte er wieder. "Nein, du nicht", flüsterte er.

Und damit wandte sich der Unsterbliche ab, seine Soldaten zogen sich auf einen Wink hin aus dem Tempel zurück. "Eines Tages werde ich mir deinen Kopf holen, eines Tages", rief Chumbaba über die Schulter, bevor er das Portal durchschritt und Gilgamesch mit den Toten und Sterbenden allein ließ.

***

Er konnte den Kopf nicht drehen, er konnte sich nicht befreien – und wenn die Soldaten kamen und weitere Gefangene töteten, zwangen sie ihn, die Augen zu öffnen. Chumbaba ließ sich nicht mehr blicken, und nach sechs Tagen war nur noch Mari am Leben. Gilgamesch sah sie an, doch er konnte nichts sagen. Wie sollte er sie für dies hier um Verzeihung bitten? Es schmerzte ihn, sie so zu sehen, und noch mehr schmerzte es ihn, zu wissen, dass in ihrem Blick noch immer die gleiche Liebe lag wie an dem Tag, als der König von Eschnunna in der Schänke ihres Vaters eingekehrt war.

Sie hatte einmal Wasser und etwas zu essen erhalten, doch sie war am Ende ihrer Kräfte, das sah Gilgamesch. Doch plötzlich hob sie den Kopf, blickte ihn an und sprach zum ersten Mal seit ihrer Gefangennahme: "Lebe weiter, Gilgamesch! Lebe weiter, Geliebter!" Und dann begann sie zu singen, mit brüchiger, erschöpfter Stimme, aber doch unermüdlich:

Erschlagen hatte er den Schurken des Waldes;
Vor dessen Gebrüll gebebt hatten Saria und Libanon.
Gilgamesch schlug ihn am Hals,
Sein Freund Enkidu packte ihn,
Beim dritten Schlag fiel Chumbaba,
der Dämon des Zedernwaldes.
Und in Furcht gerieten die Berge,
es erzitterten alle Gebirge vor Gilgamesch,
dem Helden von Uruk.

Gilgamesch öffnete seine Augen nicht, als Maris Stimme verstummte, und es vergingen Wochen ehe er wieder einen Blick auf die Welt warf – auf den einzigen Ausschnitt der Welt, den er sehen konnte, und der ein Grab der Menschen war, die ihm vertraut hatten. In diesen Tagen wünschte sich Gilgamesch, Chumbaba möge kommen und gegen ihn kämpfen, denn sein Zorn war größer als je zuvor. Doch irgendwann richtete sich sein Zorn nur noch gegen sich selbst. Er war Gilgamesch, der glorreiche Held von Uruk, der Liebling der Götter. Und doch hatte er dies nicht verhindern können, er war nicht stark genug gewesen, um seine Untertanen zu beschützen. Sie waren gestorben für das, was er in einem anderen, längst vergangenen Leben getan hatte.

Und dann, nachdem er das hunderste oder vielleicht tausendste Mal verdurstet war, wollte Gilgamesch einfach nur noch sterben.

***

Die Zeit verging. Chumbaba herrschte nicht lange über Uruk, bevor eine Truppe fremder Söldner in sein Reich einfiel. Die Krieger aus dem fernen Kush begannen Dörfer niederzubrennen, und Chumbaba versammelte seine Armee und zog ihnen entgegen. Doch im Kampf stellte sich heraus, dass die drei Anführer der Fremden Unsterbliche waren. Chumbabas Soldaten waren nicht in der Lage, sie zu besiegen, und letztlich verlor er seinen Kopf an einen der dunkelhäutigen Krieger. Sein letzter Gedanke galt einem verfallenen Tempel nördlich von Eschnunna, und er starb mit einem Lächeln auf den Lippen.

***

Die Zeit verrann weiter. Gilgamesch hatte sich selbst das Genick gebrochen, um den Kopf aus der Metallschlinge ziehen zu können, doch die restlichen Ketten waren ungleich perfider angebracht worden. Es waren Jahre vergangen, ehe er sich der Erkenntnis stellte, dass es aus diesem Gefängnis kein Entkommen gab.

Irgendwann brach eine der Ketten an seinem linken Bein. Gilgamesch nahm es zur Kenntnis, doch er warf sich nicht mehr gegen seine Fesseln. Sein Kopf war zur Seite gedreht, die einzige Freiheit, die er hatte. Sein Blick ruhte auf dem spärlichen Grün, das den verfallenden Tempel für die Natur zurückeroberte. Manchmal konnte er so fast vergessen, dass zu seinen Füßen einhundert Skelette im Staub lagen, dass einhundert Totenschädel ihm ihre anklagenden Augenhöhlen zuwandten.

Und dann, eines Tages, stürzte das Tempeldach ein und begrub die Skelette der Sumerer unter sich. Die herabstürzenden Steine töteten den gefesselten König, und er hieß den Tod willkommen.

***

Sumer, 856 v.Chr.

Der Reisende näherte sich dem Tal. "Verwünscht", murmelte er und lachte sarkastisch. Die Dorfbewohner dieser Gegend glaubten doch auch, bei einer Sonnenfinsternis würde ihnen der Himmel auf den Kopf fallen. Er schüttelte die braunen Locken aus dem Gesicht und ritt weiter. Dann bemerkte er am Wegesrand etwas, das wohl die Regenfälle der letzten Tage aus dem Sand freigespült hatten: einen menschlichen Schädel. Er sah sich genauer um, bemerkte Zeichen, die in Felsen geritzt waren, und einen weiteren Schädel auf einem Felsvorsprung. "Eine alte Begräbnisstätte?"

Die Nacht brach bald an und hier zu Lande wurde es dann bitterkalt. 'Heiliger Boden, um so besser!', dachte er und ritt tiefer in das Tal hinein, auf der Suche nach einem Unterschlupf.

Das Tal war eine Sackgasse, doch halb in die steilen Felswände hinein gebaut fand der Reisende die Ruine eines Gebäudes, möglicherweise eines Tempels. Fast alle Mauern waren eingestürzt, doch die Rückseite lag schon tief im Berg, dort würde er für die Nacht Schutz suchen. Er saß ab und führte das Pferd über die verwitterten Steinplatten. Ein merkwürdiges Gefühl überkam ihn, und dann sah er auch die vielen Knochen und Schädel, die zwischen den Trümmern der Tempeldecke lagen.

"Ein Friedhof, fürwahr", murmelte er leise. Dieser Ort war bedrückender als er gedacht hatte. Doch er ging weiter, denn er glaubte nicht an Geister – bis er unter einem großen Steinbrocken eine menschliche Hand hervorragen sah, intakt und ohne Anzeichen von Verwesung.

Das seltsame Gefühl verstärkte sich und Tjanefer wusste auf einmal, dass er es mit einem Unsterblichen zu tun hatte. Es war nicht einfach, diesen von den Steinbrocken zu befreien. Darunter kam der zerschmetterte Körper eines Mannes zum Vorschein – eines Unsterblichen. Der Mann war gefesselt, mit unzähligen Ketten an ein abstraktes Metallgebilde gekettet. Tjanefer befreite ihn von den Ketten, dann zündete er sich ein Feuer an und wartete.

Er war wohl eingenickt, als ihn das Gefühl der Anwesenheit eines anderen Unsterblichen im frühen Morgengrauen weckte. Er setzte sich auf und sah zum niedergebrannten Feuer hinüber – dort lag der andere Unsterbliche, seine Knochenbrüche waren geheilt, die inneren Organe hatten ihre Funktion wieder aufgenommen. Er schien gerade erwacht zu sein, doch er lag nur da und starrte vor sich hin. Tjanefer näherte sich ihm, warf ein paar Zweige in die Glut des Feuers.

"Ich bin Tjanefer von Troja", begann er. Er wartete, doch der Fremde erwiderte nichts.

"Wer bist du?" fragte Tjanefer, dann erst fiel ihm ein, dass der andere sein Griechisch wohl nicht verstand. Er versuchte es auf Babylonisch, der vorherrschenden Landessprache, und das brachte den Fremden immerhin dazu, den Kopf zu drehen und ihn anzuschauen, doch in seinem Blick lag kein Verstehen. In seinem Blick lag überhaupt nichts, fand Tjanefer, er war so leer wie ein unbeschriebener Papyrus.

Plötzlich neigte der Fremde den Kopf, bot Tjanefer seinen Nacken dar. Aus dem Augenwinkel sah er auf das Schwert, das Tjanefer zur Sicherheit in der Hand hielt. Es dauerte einen Moment bis er verstand: Der andere wollte sterben. Er zögerte, doch der Gedanke, ihn einfach zu enthaupten, fühlte sich falsch an. Außerdem waren sie hier auf heiligem Boden. Tjanefer schüttelte den Kopf, dann ging er zurück zu seinen Sachen, um ein Frühstück zuzubereiten.

***

Gilgamesch sah dem Mann nach, der in so fremden Sprachen redete. Seine Gedanken bewegten sich nur langsam, zäh. All die Jahre, die er damit verbracht hatte, durch den Eingang des Tempels zu starren, hatten ihm keinen Grund geboten, viel oder schnell zu denken. Und jetzt... Er war verwirrt, seine Erinnerungen waren nur bruchstückhaft. Doch sein Blick wurde wie magisch von einer Stelle des Bodens angezogen. Er stieß einen Stein beiseite und blickte auf einen halb zerschmetterten Schädel.

"Mari..." flüsterte er, und seine Jahrhunderte nicht gebrauchten Stimmbänder brachten nur ein Krächzen zustande. Hier war sie gestorben, singend. An so wenig er sich auch erinnern konnte, so hörte er doch noch deutlich ihre Stimme. 'Lebe weiter, Geliebter!'

Ja, er war am Leben. Welches Spiel die Götter auch mit ihm spielen mochten, er war immer noch am Leben. Eine Stimme drang in sein fragmentiertes Bewusstsein, und als er sich langsam umwandte, sah er den Fremden, der ihm ein Stück Brot anbot.

"Tjanefer", sagte dieser und deutete auf sich selbst. Er wiederholte das Wort, und Gilgamesch begann zu verstehen, dass es wohl der Name des Fremden war. Dann deutete Tjanefer auf Gilgamesch und sah ihn fragend an. Er fragte etwas, wiederholte die Frage. 'Er will meinen Namen wissen', dachte dieser. 'Mein Name.' Er schwieg, sein Blick ging ins Leere. 'Wer bin ich denn? Gilgamesch, der Held von Uruk?' Sein Blick wanderte über die verstreut liegenden Knochen auf dem Boden, und von da an dachte er nie wieder an Gilgamesch, der Name verschwand aus seinem Bewusstsein.

***

Nördliches Italien, 267 v.Chr.

Er zog das Bärenfell enger um die Schultern, denn trotz des beginnenden Frühjahres war es empfindlich kalt am Abend. Im Schutz der Dämmerung schob er sich näher an das Lager heran. Er mied die Menschen, wie sie ihn mieden, doch jetzt fühlte er sich wie magisch angezogen. Gesang hallte durch das Lager, die liebliche Stimme einer Frau.

"Mari...", hauchte er, doch ein Teil von ihm wusste, dass sie es nicht war, dass sie es nicht sein konnte. Trotzdem schob er sich näher. Er duckte sich, um nicht gesehen zu werden, und kroch auf allen vieren weiter an das große Lagerfeuer heran, das in der Mitte des Lagers brannte.

***

Marcus Constantinus lächelte. Da saßen sie, seine stolzen Krieger und Soldaten, und lauschten verzückt dem Gesang der Frau. 'Aber sollen sie', dachte er. 'Wir haben uns eine Pause vom Krieg redlich verdient.' Es war eine gute Idee gewesen, die nahen Dorfbewohner um etwas Unterhaltung für den Abend zu bitten, denn seine Truppe war wahrlich ausgelaugt.

Plötzlich hallte ein Ruf durch das Lager und unterbrach den Gesang. "Ein Bär! Ein Bär!" Ein Mann lief durch die Reihen der Zelte und deutete hinter sich. Constantinus trat ihm in den Weg. "Was gibt es, Soldat?" fragte er.

"Ein Bär, Centurio. Am Rande des Lagers."

Marcus Constantinus überlegte kurz, dann winkte er seinem Stellvertreter. "Lass die Frau weitersingen. Ich kümmere mich darum."

Er griff sich sein Schwert und schritt zum Rand des Lagers. Dort sah er schon drei seiner Soldaten, die mit gezückten Schwertern eine kleine Baumgruppe kurz vor den letzten Zelten umzingelten. Im Gebüsch der Bäume hielten sie eine große Gestalt in Schach. Er sah das Bärenfell, doch in dieser Sekunde spürte er es: das Zeichen, dass ein anderer Unsterblicher in seiner Nähe war. Constantinus sah sich suchend und verwundert um, denn in seiner Centurie war er der einzige Unsterbliche. Dann jedoch fiel sein Blick wieder auf den vermeintlichen Bär, und er sah unter dem Fell ein Gesicht zum Vorschein kommen. Die Gestalt kauerte geduckt am Boden, mit dem Rücken an einen Baum gepresst, eng gehüllt in einen Bärenpelz.

"Ich bin Centurio Marcus Constantinus von der fünften römischen Legion", stellte er sich vor, sein Schwert wachsam erhoben. "Wer bist du?"

***

Der fremde Unsterbliche sah ihn auffordernd an und wiederholte seine Frage. Er sprach eine andere Sprache als die Menschen, die nahe den Bergen lebten. Die Sprachen kamen und gingen, und es lohnte kaum, sie zu lernen. Doch er hatte durch Soldatenlager wie dieses in den letzten Jahren genug von dieser Sprache aufgeschnappt, um zu wissen, dass er nach seinem Namen gefragt wurde. Sein Name...

Er hatte keinen Namen, hatte seit ewigen Zeiten keinen mehr gebraucht. Was sollte er antworten? Ein Name war so gut wie der andere, also wählte er den Begriff, mit dem ihn die Männer um ihn herum die ganze Zeit bedacht hatten: "Ursa"

Und seine Miene entspannte sich, als er aus dem Lager wieder die wunderschöne Frauenstimme singen hörte...

Gilgamesch



(c) by Johannes Freudendahl     http://ammaletu.de

Anmerkungen:

Die Story spielt im Highlander-Universum.

Seit ich die Highlander-Folge H-16 "The Beast Below" zum ersten Mal gesehen hatte, spukte mir die Idee im Kopf herum, dass Ursa mehr sein könnte als der unsterbliche Mowgli, als der er in der Episode dargestellt wurde. Ich hatte die Idee, dass Ursa einer der ganz alten Unsterblichen sein könnte, der von einem schrecklichen Ereignis in seine geistige Isolation getrieben wurde. Ursa mit Gilgamesch gleichzusetzen, der ja laut H-117 "Indiscretions" ein Unsterblicher war, war eine spätere Idee, die mir beim Grübeln über Ursas mögliche Vorgeschichte kam.

Ich habe mich im Folgenden auch fleißig beim Gilgamesch-Epos bedient, was Namen und Orte betrifft. Die Schreibweise von Namen wie Enkidu und Chumbaba variiert, ich habe mich da einfach an eine mir vorliegende deutsche Übersetzung gehalten. Was Chumbaba betrifft: Ja, im Epos hat Gilgamesch ihn getötet, aber wir nehmen einfach mal an, dass Gilgameschs Sänger diese Begebenheit zu seinen Gunsten ausschmückten. :-)

Da viele es nicht wissen werden: "Tjanefer of Troy" ist ein früher Name von Graham Ashe aus H-90 "The End of Innocence". Ich wurde auch gefragt, warum Gilgamesch nach seinem Erwachen nicht auf Rache sinnt. Der Grund ist, dass er dazu nicht mehr in der Lage ist. Jahrhunderte der Apathie haben seine Gedanken abstumpfen lassen und das Trauma ließ ihn seine Vergangenheit vergessen, ja verdrängen. Diese Szene soll zeigen, wie der apathische, fragmentierte Gilgamesch wieder erwacht und dann vermutlich einfach in die Welt hinaus zieht.

Und weil ich schon mal beim Einbauen bekannter Unsterblicher war und einen Römer brauchte, habe ich auch noch Marcus Constantinus einen Auftritt verschafft. Mit der letzten Szene schließt sich der Bogen von Gilgamesch zu Ursa, der nun ein einfaches Leben in den Wäldern Europas führt. "Ursa" ist das lateinische Wort für "Bär", mit dieser Szene erfahren wir, woher er den Namen hat. Ich nehme mal an, dass er irgendwie haften blieb an dem ansonsten namenlosen Unsterblichen.

Bekannte Unsterbliche in dieser Geschichte:
Gilgamesch, Ursa, Graham Ashe, Marcus Constantinus

Mit Dank an die fleißigen Beta-Leser:
Aisling, Anja, Cora, Kaineus und Kathrin

Geschrieben: 21. / 27. Aug 2003  |  Wörter: 4.269