Leofric

24. August 1995

Duncan MacLeod fuhr langsam die Straße hinab. An Tagen wie diesen genoss er es, dass der Thunderbird ein Cabriolet war. Die Versuchung war groß, einfach Gas zu geben und sich den Wind durch die Haare wehen zu lassen, doch er befand sich in einer Wohngegend. Im Rückspiegel sah er, dass das graue, unauffällige Stadtauto zum dritten Mal die gleiche Abbiegung nahm wie er. Der neue Feldbeobachter, der Joe bei seiner Aufgabe unterstützte, musste noch viel lernen, fand Duncan. Ein Beobachter, der sich von seinem Unsterblichen entdecken ließ, hatte meist leider keine hohe Lebenserwartung.

Unwillkürlich musste er wieder an sein Zerwürfnis mit Joe vor ein paar Tagen denken und an Charlies Tod, und seine Stimmung trübte sich. Die Beerdigung war gestern gewesen, doch er fühlte noch immer eine gewisse Rastlosigkeit in sich. Seine Rückkehr nach Seacouver vor gerade einmal einer Woche hatte wahrlich unter keinem guten Stern gestanden...

Duncans Laune besserte sich, als er vor sich ein schweres Baufahrzeug sah. Es setzte gerade zu einem Wendemanöver an, um in eine schmale Einfahrt einzubiegen, und entgegen seiner sonstigen Vorsicht gab Duncan Gas und quetschte sich durch die schmaler werdende Lücke zwischen der Einfahrt und dem Fahrzeug.

Mit einem Grinsen sah er im Rückspiegel, wie der graue Wagen notgedrungen anhielt, da das Baufahrzeug nun die komplette Fahrbahn blockierte. Doch das Grinsen verschwand, als ihm plötzlich etwas bewusst wurde. Er trat ebenfalls auf die Bremse und setzte dann zurück, bis er durch eine Lücke in den Büschen hindurch einen Blick auf das Haus werfen konnte, auf welches das Fahrzeug zuhielt. Es sah ein wenig baufällig aus, doch MacLeod erkannte es zweifelsfrei wieder. Er hatte es sich damals im fertigen Zustand angeschaut und genau eingeprägt. Sein Blick wanderte wieder zu dem Baufahrzeug. Es war groß, gelb und besaß als hervorstechendstes Merkmal eine Abrissbirne.

"Oh nein", murmelte Duncan, sprang aus dem Thunderbird und beeilte sich, vor dem Fahrzeug am Haus zu sein. Den Beobachter, der aus seinem Auto heraus verdutzt zusah, ignorierte er.

***

19. November 1952

Duncan MacLeod fuhr langsam die Straße hinab. Es war Mitte November, die Tage wurden merklich kürzer und die Dämmerung hatte schon eingesetzt. Mit stotterndem Motor bog der blaue Ford, den er sich vor ein paar Tagen erst zugelegt hatte, in ein Wohngebiet ein. Der Motor beruhigte sich wieder, und Duncan sah sich um. War das der richtige Weg in die Innenstadt? Duncan hatte das alte Sanatorium in einem der Vororte besucht und nach Michael Ausschau gehalten. Doch sein unsterblicher Bekannter schien nicht in der Stadt zu sein; vielleicht jagte er immer noch den Mörder seiner Frau Jeannette.

Als Duncan vor sechs Jahren Seacouver verlassen hatte und nach Europa gegangen war, war dieses ganze Viertel noch nicht da gewesen. Die gemütliche, kleine Stadt, die er in den Zwanzigern schätzen gelernt hatte, erlebte seit dem Ende des Krieges einen ungeheuren Bau-Boom und wuchs zu einer Metropole heran. Duncan lenkte seinen Wagen erneut um eine Ecke und sah hinter den Häusern am Ende der Straße einen der markanten Wolkenkratzer der Innenstadt. Doch bevor er die wiedergewonnene Orientierung nutzen konnte, spürte er plötzlich den Buzz.

Für eine Sekunde war er überrascht, dann wurde er langsamer und dirigierte den Ford an den Rand der Straße. Mit einer Hand tastete MacLeod auf dem Rücksitz nach dem Katana, während er seine Umgebung nicht aus den Augen ließ. Im Schatten eines nahen Baumes bemerkte er schließlich eine regungslose Gestalt. Handelte es sich um einen alten Freund? Vielleicht doch Michael? Genauso gut konnte es jedoch ein feindlich gesinnter Unsterblicher sein. Man wusste es nie, und MacLeod überfiel die gleiche unbewusste Anspannung, die einer solchen Begegnung immer vorausging.

Er verbarg sein Schwert unter dem Mantel, dann stieg er aus und näherte sich der Gestalt bis auf wenige Meter. Er konnte nun die Züge eines Mannes mittleren Alters erkennen. Die tief in den Höhlen liegenden Augen, die Nase... Nein, das Gesicht kam ihm nicht bekannt vor.

"Ich bin Duncan MacLeod vom Clan MacLeod", stellte sich Duncan mit gedämpfter Stimme vor.

"Leofric", erwiderte der Mann und starrte ihn an. Nach einigen Sekunden angespannter Stille fügte er hinzu: "Auf dich habe ich gewartet." Dann wandte er sich um und steuerte auf das nächstgelegene Grundstück zu. Eine von Bäumen gesäumte Auffahrt führte dort einen leichten Anhang hinauf.

"Komm!" sagte Leofric, ohne sich dabei umzudrehen.MacLeod warf einen letzten Blick auf seinen Wagen und die Einkäufe darin. Aus dem gemütlichen Abend mit einem Glas Wein und dem Buch, das Hemingway ihm geschickt hatte, würde wohl nichts werden. Dann seufzte er ergeben und folgte dem Unbekannten.

Er holte ihn ein und fragte: "Was meinst du damit – du hast auf mich gewartet? Kennen wir uns?" Doch der Fremde antwortete nicht und blieb erst stehen, als er die große Grube hinter sich gelassen hatte, die auf dem Grundstück für das Fundament eines Hauses ausgehoben worden war. Er blickte auf den sanft abfallenden Abhang hinunter, warf einen kurzen Blick auf die benachbarten Häuser und wandte sich dann MacLeod zu. "Hier wird es gehen", flüsterte er und fügte lauter hinzu: "Töte mich!"

Mit diesen Worten sank er auf ein Knie hinab, was Duncan unwillkürlich an einen Priester erinnerte. In diesem Augenblick bemerkte er die drei Bauarbeiter, die am Fundament des Hauses gearbeitet hatten und nun ihre Baugrube verließen und zu ihnen herüberkamen.

"Hey, was geht denn hier vor?" fragte einer von ihnen und sah von Duncan zu Leofric und wieder zurück. Da hob der Fremde plötzlich den bisher gesenkten Kopf und sah den dreien mit einer beeindruckenden Intensität in die Augen. "Geht!" war alles, was er sagte, doch in seiner Stimme schwang etwas Unheimliches mit. Duncan konnte es nicht genau definieren, doch er fühlte sich unwillkürlich an die Hypnose-Vorführung erinnert, die zum Programm des Zirkus Moreno Bormann gehört hatte. Verwundert sah er, wie die drei Arbeiter sich umdrehten und in Richtung Straße verschwanden. "Wird Zeit, dass wir mal wieder 'ne Pause machen", meinte einer von ihnen, und dann unterhielten sie sich über das Baseball-Spiel vom Wochenende, als wären sie alleine.

MacLeod sah ihnen kurz nach, dann wandte er den Blick wieder dem anderen Unsterblichen zu. Seine rechte Hand ruhte unter seinem Mantel schon lange auf dem Griff des Katanas.

"Töte mich!" wiederholte der immer noch kniende Unsterbliche und sah nun Duncan an. Dieser zog sein Katana, wie er es schon unzählige Male getan hatte. Doch als er es gerade zum Schlag hob, wurde ihm klar, dass er diese Bewegung nicht bewusst ausgeführt hatte. "Nein!" rief er, senkte das Schwert wieder und trat hastig einen Schritt zurück. 'Konzentrier dich!' flüsterte er sich in Gedanken zu. Und laut herrschte er sein Gegenüber an: "Was tust du? "

Der Mann namens Leofric hob den Blick wieder, und Duncan sah einen Schmerz darin, wie er ihn selten zuvor gesehen hatte. "Ich will in dieser Welt nicht weiterleben", erklärte der Fremde leise. "Du bist der richtige, das spüre ich. Dir kann ich mein Quickening anvertrauen. Und nun tu es!"

MacLeod sah ihn nachdenklich, doch immer noch wachsam an. Er kannte Unsterbliche, die das ewige Leben satt hatten, sich nur noch nach dem Tod sehnten. Aber diesen Mann hier kannte er nicht. Er hatte keine Ahnung, was ihm widerfahren war, wieso er sich selber aufgab. Wie konnte er da eine Entscheidung treffen? "Ich werde dich nicht töten", sagte er laut. "Ich bin nicht dein Richter."

Leofric erhob sich langsam. "Diese Welt ist kein Ort mehr, an dem ich existieren möchte", meinte er und kam näher. "Es gab immer schon Leid. Kriege, Katastrophen. Doch dies... dies ist eine neue Dimension des Schreckens." Er packte den Saum von Duncans Mantel und sah ihn an. "Du warst dort, nicht wahr?" flüsterte er, und MacLeod wusste, was der andere meinte, auch ohne Erklärung.

"Ja, ich war dort", entgegnete er leise. Er hatte die Verwundeten des ersten Weltkrieges versorgt, hatte hunderte Männer durch Gasangriffe sterben sehen. Er hatte die Bombardements im spanischen Bürgerkrieg erlebt und die Grausamkeiten im Warschauer Ghetto...

"Diese Welt ist dem Verderben geweiht!" flüsterte der andere Unsterbliche. "Ich habe versucht, die Bilder zu vergessen, die Bilder aus Nagasaki. Ich habe versucht, vor meinen eigenen Erinnerungen wegzulaufen. Doch sie bauen weiter Waffen, und wieder sterben hunderttausende Menschen in einem sinnlosen Krieg. Gott hat diese Welt schon lange aufgegeben."

Duncan packte vorsichtig die Hände des Fremden und löste sie vom Saum seines Mantels. "Ich weigere mich, das zu glauben. Es gibt immer Hoffnung. Die Menschen werden auch diese Krise überleben." MacLeod war nicht in Japan gewesen, doch durch seine Kontakte zum britischen Geheimdienst wusste er, dass neben den Amerikanern und Russen auch die Briten mit dem Bau von Atomwaffen begonnen hatten.

Doch all die Bilder von Tod und Zerstörung, die eben noch vor seinem geistigen Auge vorbeigezogen waren, wurden durch eine andere Erinnerung ersetzt: Die 19jährige Rivka, wie sie von Bord des Schiffes aus das erste Mal die Küste von Haifa erblickt hatte. Ein leichtes Lächeln war damals auf dem Gesicht des oft ernst wirkenden Mädchens erschienen, das ihn als Kind auf seiner Flucht aus dem zerstörten Warschau begleitet hatte.

"Es gibt immer Hoffnung", wiederholte er, sah Leofric noch ein letztes Mal an und wandte sich dann um. Während er langsam in Richtung der Straße ging, hörte er hinter sich die befehlende Stimme: "Gib mir dein Schwert!" MacLeod hielt inne und konzentrierte sich mit geschlossenen Augen, um der Versuchung zu widerstehen, dem Befehl zu folgen. Dieser Unsterbliche verfügte wahrlich über eine unheimliche Ausstrahlung.

Schließlich öffnete er die Augen wieder, wandte sich um und sah Leofric an, der ihm gefolgt war. "Für mich gibt es keine Hoffnung mehr", hörte er ihn sagen. "Jeder Krieg hat ein wenig davon weggewaschen und nun..." Der Blick des anderen schweifte zur Seite, über die Baugrube, in der die Männer kurz zuvor ihre Arbeit unterbrochen hatten. Leofrics Schultern strafften sich und er nickte, während er etwas Unverständliches murmelte.

"MacLeod!" Der zugleich unendlich müde und doch durchdringende Blick des anderen richtete sich wieder auf ihn. "Ich werde hier warten. Darauf, dass die Menschheit sich ihr eigenes Grab schaufelt, oder auf bessere Zeiten. Falls du Recht hast, denke an mich." Und bevor Duncan einen Schritt in seine Richtung tun konnte, breitete Leofric die Arme aus und ließ sich fallen. Als er den Rand der Grube erreichte, war der Körper im langsam fester werdenden Zement schon halb versunken. Ein sich immer noch unermüdlich drehender Zementmischer entleerte gerade die Reste seines Inhalts in ein abgestecktes Areal, das bald schon das Fundament eines Hauses bilden würde.

Was tun? MacLeod stand unschlüssig am Rand der Grube und beobachtete den letzten Zipfel von Leofrics Mantel, der soeben versank. Als er sich gerade nach einer Schaufel oder einem vergleichbaren Hilfsmittel umsehen wollte, hörte er von der Straße her Stimmen. Ein schneller Blick zeigte ihm, dass die Arbeiter zurückkehrten. Scheinbar hatte Leofrics unheimlicher Bann sie entlassen. Hastig verstaute Duncan das Katana unter seinem Mantel und zog sich im Licht der letzten Sonnenstrahlen von der Grube zurück. Die Lösung dieses Problems würde er auf einen anderen Tag verschieben müssen.

***

24. August 1995

Mit einem leisen Seufzen sah MacLeod dem großen Bagger nach, der hinter der Limousine des Bauunternehmers die Auffahrt hinunterrollte. Damit hatten alle Arbeiter das Grundstück verlassen. Sein Grundstück. Duncan wandte sich um und sah an der Fassade des Hauses empor.

"Wunderbar...", murmelte er. Er hatte noch keine Ahnung, wie er Eddy Campolo beibringen sollte, was er für diese Bruchbude gerade bezahlt hatte. Sein Investmentbanker würde wohl die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und das Geschäft mit einem italienischen Fluch kommentieren.

Duncan sah auf das Blatt Papier in seiner Hand. "The Edgar Estate" stand dort, und das Anwesen wurde in einer blumigen Sprache angepriesen. Der Blick auf das Original vor ihm verriet MacLeod, dass diese Beschreibung wohl schon etwas älter sein musste. Aber er hatte kaum eine Wahl gehabt. Ein kurzes Gespräch mit dem Verantwortlichen auf der Baustelle in spe hatte ergeben, dass der Besitzer nicht nur das Haus abreißen lassen wollte, sondern ein Abtragen des halben Hügels zwecks Installation eines Schwimmbades im Keller plante. Erst als er aus dem Stehgreif etwas über neue Denkmalschutz-Bestimmungen erfunden hatte, konnte MacLeod den Bauunternehmer dazu bewegen, den Besitzer des Grundstücks anzurufen. Und nun, Stunden später, waren die Verhandlungen abgeschlossen, alle Formalitäten geklärt und Duncan MacLeod war der neue Eigentümer des Edgar Estate.

"Wunderbar!" murmelte er erneut und betrat die Veranda. Bei jedem Schritt quietschten die Balken, und als er vorsichtig die Eingangstür aufstieß, blätterte die Farbe unter seinen Fingern großflächig ab und schwebte sacht zu Boden. Langsam betrat er das Haus und suchte den Eingang zum Keller.

The Edgar Estate

Es war schon Nacht, als er mit den benötigten Werkzeugen zurückkehrte. In Ermangelung elektrischen Stroms hatte er einige Kerzen besorgt, zudem eine Spitzhacke und einen Pickel. Er rief sich noch einmal die Baugrube ins Gedächtnis, während er die richtige Stelle suchte. Da Leofric in seinem momentanen Zustand 'tot' war, spürte MacLeod leider keinen Buzz. Er konnte nur hoffen, dass seine Erinnerung ihn nicht trog.

In einem separaten Raum am Ende des Kellers, abgetrennt durch eine solide Mauer und einen besonders niedrigen Eingang, glaubte Duncan schließlich fündig geworden zu sein. Hier musste er liegen, nicht weit von der Außenmauer entfernt. Er stellte die Kerzen ab und sah dann ein wenig unschlüssig auf die Spitzhacke in seinen Händen. Was würde er Leofric sagen? "Willkommen in den 90gern"? Diese Frage schob er schon seit einigen Stunden vor sich her, er hatte noch nicht wirklich darüber nachgedacht.

Lange Zeit hatte er nicht an Leofric gedacht, hatte die merkwürdige Begegnung verdrängt. In der Zeit des Kalten Krieges hätte er ihn kaum aus seinem selbstgewählten Gefängnis befreien mögen. Doch nun – war die Welt wirklich besser geworden? Hatten die Menschen sich geändert? Der Völkermord in Ruanda, das Chaos auf dem Balkan, abtrünnige Beobachter, die Unsterbliche auf heiligem Boden enthaupteten... Hatte sich wirklich etwas geändert?

Duncan seufzte leise. Dies war keine leichte Entscheidung, doch andererseits hatte Leofric alle Zeit der Welt. Die Gefahr für das Haus war abgewendet, und er konnte in Ruhe darüber nachdenken, was er tun sollte. Er würde sich so oder so entscheiden müssen, aber nicht unbedingt an diesem Tag.

"Ich könnte Sean anrufen", meinte er zu sich selbst. Ja, Sean Burns würde dem Unsterblichen sicher helfen können, mit der Welt wieder ins Reine zu kommen. Und damit nahm MacLeod die Kerzen und verließ den Keller. Das Werkzeug ließ er liegen.

***

06. September 1995

Duncan hatte der Züchterin Lucille zurückgebracht und ihr auch die beiden Hunde von Kanis übergeben, mit der Warnung, dass ihr Vorbesitzer sie auf eher hinterhältige Weise abgerichtet hatte. Nun war er zum Haus gefahren, um sich die Schäden anzuschauen. Er hatte es nur aus den Augenwinkeln gesehen, aber er hatte den Eindruck gehabt, dass Kanis' Quickening das gesamte Haus für einen Moment angehoben und dann unsanft wieder abgesetzt hatte. Die neue Hintertür, die er zusammen mit Richie letzte Woche eingepasst hatte, hing schief in den Angeln, was Duncans Verdacht bestätigte. Während er durch die Innenräume ging und der instabil aussehenden Treppe zum Obergeschoss einen misstrauischen Blick zuwarf, dachte er schließlich wieder an die Entscheidung, die im Keller noch auf ihn wartete.

Die letzten 14 Tage waren wie im Flug vergangen, und er hatte noch nicht einmal Zeit gehabt, Sean Burns anzurufen. Sie hatten sich um Mikey kümmern müssen, er hatte auf Chandras Bitte hin einen Kurs an der Universität zu geben angefangen und schließlich war Peter Kanis in der Stadt aufgetaucht. 'Ich sollte Amanda fragen, ob sie das Haus in der Ägäis noch hat. Ein, zwei Jahrzehnte nur mit ihr und der griechischen Sonne klingen plötzlich gar nicht so schlecht', überlegte MacLeod.

Er atmete tief durch und dachte: 'Ich tue es! Jetzt gleich!' Hier und jetzt hatte er keine Lust, dieses spezielle Problem weiter aufzuschieben. Leofric würde damit klarkommen müssen, und zur Not würde Sean für den Flug von Frankreich nach Seacouver kaum einen Tag brauchen.

Duncan betrat vorsichtig die Treppe zum Keller. Sie knirschte, hielt sein Gewicht aber aus. Im spärlichen Licht des Sonnenscheins, das durch einige kleine Fenster fiel – allesamt zerbrochen, wie er bemerkte – suchte er den Raum am Ende des Kellers auf. Das Werkzeug lag noch dort, wo er es vor zwei Wochen zurückgelassen hatte. Duncan zog seinen Mantel aus, hängte ihn an einen rostigen Haken an der Wand und wandte sich dann seiner Aufgabe zu. Wie tief mochte das Fundament sein?

Doch als er gerade nach der Spitzhacke greifen wollte, bemerkte er etwas, das ein ungutes Gefühl in ihm hervorrief. Risse im Boden. Ins Auge stach vor allem ein breiter Riss, der quer durch den ganzen Raum verlief und sich an der Außenwand hochzog. Vor zwei Wochen war dieser Riss noch nicht da gewesen, er hätte ihn trotz des knappen Kerzenscheins bemerken müssen. Und Duncan hörte wieder das ohrenbetäubende Knirschen und sah vor seinem geistigen Auge das Haus auf seine Grundmauern zurückstürzen. Offensichtlich hatte das Quickening mehr beschädigt als nur ein paar Fenster. Und dann roch er es...

Hastig machte er sich an die Arbeit und erweiterte verbissen den Riss, der ihm das Vordringen in den Beton-Boden leichter machte. Nach einer halben Stunde hatte er genug Beton abgetragen, um anhand des hier und da herausragenden Mantels die Umrisse des Unsterblichen ausmachen zu können. Und er konnte durch den noch tiefer in den Boden reichenden Riss den Hals Leofrics sehen. Beide Hälften davon.

Mit sanfter Gewalt löste MacLeod den Mantel vom Beton, schlug ihn zur Seite und warf einen genaueren Blick auf den Körper. Auf die Leiche. Links und rechts vom Hals des Unsterblichen zog sich der Riss quer durch den ganzen Raum. Die Verwesung hatte schon eingesetzt.

MacLeod ließ das Werkzeug fallen und setzte sich, schockiert. Vor zwei Wochen hatte er noch gedacht, dass Leofric alle Zeit der Welt hätte. Doch das war ein Irrtum gewesen, er hatte zu lange gewartet. Als das Quickening von Kanis das Haus auf sein Fundament krachen ließ, hatte der begrabene Unsterbliche keine Chance gehabt. Fest in den Beton eingeschlossen wie er war, wurde er durch den Riss im Fundament enthauptet ohne es zu spüren.

'Ich hätte ihn gleich befreien sollen', dachte Duncan resigniert. 'Selbst damals seinen Kopf zu nehmen wäre besser gewesen. Dann würde jetzt ein Teil von ihm in mir weiterleben.'

Er ging in sich, dachte daran zurück wie ihn am Tag zuvor die Energiefluten umtost hatten. Hatte er darin mehr als einen Unsterblichen gespürt? War neben Kanis' Essenz auch etwas von Leofric auf MacLeod übergegangen? Er hatte nichts entsprechendes gespürt, doch ausschließen konnte er es nicht. Er konnte nur hoffen, dass er nicht zu weit entfernt gewesen war. Denn obwohl Duncan nicht wirklich wusste, was es mit dem Quickening auf sich hatte, wie viel darin weitergegeben wurde, erfüllte ihn der Gedanke an dessen Verlust mit einem Schauder. Dieses Schicksal kam ihm fast schlimmer vor als der Tod...

Nach langen Minuten raffte er sich schließlich auf und setzte seine Arbeit mit dem kleineren Pickel fort. Was auch immer er mit dem Haus anstellen würde, er konnte nicht eine halb-einbetonierte Leiche im Keller liegen lassen.

Kanis' Quickening
***

27. Mai 2004

"Neeeiiiiiiiin! Nein, nein, nein!" Mary stampfte mit dem Fuß auf, um ihrer Absicht noch etwas Nachdruck zu verleihen, und Anne gab es entnervt auf. "Na schön, kleine Lady, dann lässt du den Fernseher eben an. In zehn Minuten gibt es sowieso Essen."

Sie wandte sich um und ging Richtung Küche, wo Duncan gerade eine Paprika klein schnitt. "Duncan, ich möchte dir noch mal danken, dass du das tust! Ich weiß wirklich nicht, was ich ohne dich machen würde."

"Ach nicht doch", wiegelte Duncan ab und lächelte, als er Mary im Wohnzimmer vergnügt lachen hörte. "Ein paar Tage mit meinem Patenkind werden mir gut tun. Mal ausspannen vom stressigen Alltagsleben." Anne lachte sarkastisch. "Ja klar, ausspannen, mit dem kleinen Drachen." Dann wurde sie wieder ernst. "Bist du sicher, dass das gut gehen wird?" fragte sie. "Ich meine, du weißt schon, deine Unsterblichkeit..."

"Ich passe auf sie auf", entgegnete Duncan, während er das Messer weglegte und um die Arbeitsfläche in der Küchenmitte herum kam. "Joe hat die Stadt gecheckt, es ist niemand hier, der Ärger machen würde. Und auf dem Flug von London ist mir niemand gefolgt."

Anne nickte. "Ok, ok. Tut mir leid. Ich weiß, du wirst das schon hinkriegen. Es sind ja auch nur drei Tage."

Für einen Moment sahen sie sich einfach nur an und beide spürten einen Hauch der alten Vertrautheit und Intimität, als sie sich in die Augen sahen. Der Moment der Stille wurde schließlich durch ein Hupen vor dem Haus unterbrochen.

"Das wird mein Taxi sein", meinte Anne. "Also dann..."

"Viel Spaß in Chicago!" erwiderte Duncan. "Zeig den Tagungsgästen, was Dr. Lindsey drauf hat!"

Anne lächelte und rief dann in Richtung des Wohnzimmers: "Kleines, ich muss jetzt los. Komm schon, gib mir wenigstens einen Abschiedskuss!"

Wie ein kleiner Wirbelwind kam Mary zur Haustür gelaufen und verabschiedete ihre Mutter. Ja, sie würde brav sein. Nein, nachts würde sie nicht heimlich unter der Bettdecke lesen. Ja, sie musste unbedingt darauf hören, was Onkel Duncan ihr sagte.

Als sie gerade wieder in Richtung des Wohnzimmers verschwinden wollte, packte Duncan sie spielerisch am Kragen und lenkte sie zur Küche. "Ah, ah, Mary. Erst mal gibt's Abendessen." Das stieß bei der Achtjährigen nicht auf große Begeisterung, dafür meldete sie sich freiwillig zum Tisch decken. Während Duncan die Paprikascheiben auf einem Teller arrangierte, klapperte Mary mit dem Geschirr herum. Verwundert sah er sie drei Teller auf den Tisch stellen und dreimal entsprechendes Besteck heraussuchen.

"Erwarten wir noch jemanden, Mary?" fragte er und deutete auf den dritten Teller.

"Aber nein, das ist für..." Sie verstummte mitten im Satz.

"Für...?" hakte Duncan schließlich nach und sah sie fragend an. Mary legte den Kopf schief und setzte ein verkniffenes Gesicht auf. "Das ist ein Geheimnis", erklärte sie.

"Ah", meinte ihr Patenonkel dazu, stellte die Paprika ab und ließ sich dann auf ihre Höhe hinab. "Und, verrätst du es mir?"

Sie starrte ihn an, überlegend. "Ich weiß nicht...", meinte sie. "Erzählst du mir dann die Geschichte von Amanda und dem Sultan noch einmal?"

Duncan seufzte ergeben. "Darüber lässt sich reden. Aber erst verrätst du mir das Geheimnis."

"Na gut", stimmte Mary zu und beugte sich näher zu ihm. "Das ist für den Hausgeist", flüsterte sie.

"Hausgeist?" wiederholte er amüsiert. "Seit wann habt ihr denn einen Hausgeist?"

"Schon immer", erwiderte sie. "Mom glaubt nicht an ihn, aber er wohnt hier im Haus. Er kann lustige Dinge mit dem Strom machen."

"Ich verstehe", meinte Duncan. "Hat er auch einen Namen?"

"Leo", erklärte Mary und kletterte auf ihren Stuhl. Duncan hatte sich schon halb erhoben, als sein Gedächtnis diese neue Information an der richtigen Stelle eingeordnet hatte. Er verharrte wie angewurzelt und starrte vor sich hin.

"Was ist, essen wir nun?" fragte Mary ungeduldig und sah ihn an.

"Onkel Duncan...?"

MacLeod wurde erst aus seinen Gedanken gerissen, als plötzlich das Licht flackerte und sich das Radio im Wandregal von selbst einschaltete.



(c) by Johannes Freudendahl     http://ammaletu.de

Anmerkungen:

Die Story spielt im Highlander-Universum.

Diese Story habe ich hauptsächlich wegen des letzten Absatzes geschrieben. Die Inspiration ergab sich, als ich auf der HLWW-Liste zur Episode "The Immortal Cimoli" meinte, Duncan hätte sein Problem mit Damon Case auch mittels eines frisch gegossenen Fundaments lösen können, statt ihn gleich zu enthaupten. Darauf entgegnete jemand, dass das wohl der Grund für die Renovierungsarbeit an Duncans Haus gewesen sein müsse. Und plopp, da war die Story-Idee. :-)

Aus der eigentlich witzigen Idee des Hausgeistes ist dann aber der doch eher ernste Flashback geworden. Ich musste halt einen Grund finden, wieso sich ein Unsterblicher da selbst begräbt. Das Jahr des Flashbacks habe ich absichtlich gewählt: Im Oktober 1952 unternahmen die Briten ihren ersten Atombomben-Versuch und am 1. November detonierte im Pazifik die erste amerikanische Wasserstoffbombe ("Ivy Mike"). Währenddessen tobte noch immer der Koreakrieg, in dem über 2 Millionen Menschen den Tod fanden.

Leofric wird in den Watcher Chronicles als Mentor von Damon Case erwähnt. Gegen 1068 war er Bischof von Exeter. Viel mehr ist über ihn nicht bekannt, aber ich stelle ihn mir mal als Schüler Cassandras vor. Nicht einen der begabtesten, aber für den durchschnittlichen Sterblichen reicht seine Stimme. Rivka ist ein Charakter aus Donna Lettows Roman "Zealot". Dort wurde erwähnt, dass Duncan ihr kurz nach dem Krieg zu einer Passage nach Israel verhalf. Dass Duncan der Pate von Mary Lindsey ist, wurde in den Watcher Chronicles erwähnt. Ebenfalls aus den Chronicles stammt die Information, dass Duncan und Hemingway sich kennen. Duncan korrespondierte mit ihm während des spanischen Bürgerkrieges.

Der Mittelteil der Story beginnt genau einen Tag vor der Episode "The Innocent" und endet am Tag nach "Leader of the Pack". Die Einarbeitung des schrecklich übertriebenen Quickenings mit dem schwebenden Haus bot sich irgendwie an.

Bekannte Unsterbliche in dieser Geschichte:
Duncan MacLeod, Leofric  |  Michael Moore, Sean Burns, Peter Kanis, Mikey Bellow, Amanda

Dank fürs Beta-Lesen geht an:
Aisling, Clio, Deirdre und Eva

Und für die Idee zur Geschichte habe ich zu danken:
Kristie

Geschrieben: 27. Nov 2004 / 09. / 17. Jan 2005  |  Wörter: 3.781